Von den Glücks-Spitzen

Kastrieren

Die Geschichte der Kastration des Rüden ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Noch immer hält sich bei vielen Tierärzten, Trainern und Hundehaltern hartnäckig der Glaube daran, dass die ­Kastration ein chirurgisches Wundermittel bei unterschiedlichsten Verhaltensproblemen darstellt. Doch eine Kastration kann niemals eine vernünftige Verhaltenstherapie ersetzen, und viele Probleme, die mit den Sexualhormonen – in diesem Fall mit dem Testosteron – in Verbindung gebracht werden, stammen aus völlig anderen Funktionskreisen und lassen sich durch eine Kastration überhaupt nicht beeinflussen, wie Tierärztin Sophie Strodtbeck und Verhaltensbiologe Dr. Udo Gansloßer betonen.
Im Folgenden versuchen die Autoren eine Entscheidungshilfe pro oder kontra Kastration zu geben.

Vorausgesetzt werden muss, dass der § 6 des deutschen Tierschutzgesetzes ­eindeutig das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres verbietet. Ausnahmen gibt es, wenn eindeutige medizinische Indikationen vorliegen, über die an dieser Stelle auch nicht diskutiert werden soll. Im österreichischen Tierschutzgesetz sind  lt. § 7(2) Eingriffe zur Verhütung der Fortpflanzung ausdrücklich zulässig.
Eine unerwünschte Fortpflanzung kann auch durch eine Sterilisation, also durch eine Durchtrennung der Samenleiter, zuverlässig erreicht wer­-
den, dabei wird nicht in den Hormonhaushalt eingegriffen und es sind ­keine Nebenwirkungen zu erwarten.

Frühkastrationen

Kategorisch muss aber in jedem Fall die Praxis der Frühkastration abgelehnt werden. Von einer Frühkastration spricht man, wenn bereits vor Abklingen der Pubertät kastriert wird. Dieser Trend schwappt leider, vor allem bei der Hündin, aber zunehmend auch beim Rüden, aus den USA, wo diese Praxis an der Tagesordnung ist,  zu uns herüber. Hierbei entstehen nur negative Folgen für die Hunde: die betroffenen Tiere werden ­aggressiver gegenüber ­gleichgeschlechtlichen Artgenossen und insgesamt un­­sicherer, nicht nur gegenüber anderen Hunden. Sie bleiben in der körper­lichen Entwicklung zurück und werden nie richtig erwachsen, da ihre geistige Leistungsfähigkeit nicht voll ausgereift ist. Das liegt daran, dass sich das Gehirn unter dem Einfluss der Sexual­hormone in der Pubertät ­nochmals weiterentwickelt.

Gründe für Kastrationen

Wie eine Befragung der Hundehalter im Rahmen der „Bielefelder Kastrations­studie“ (Niepel, 2007) ergab, stellt unerwünschtes ­Verhalten den häufigsten Grund für eine ­Kastration dar (74%), gefolgt von 30% der Befragten, die Haltergründe, also bspw. das Zusammenleben von Hündin und Rüde in einem Haushalt angaben. Nur bei 21% der Hundehalter spielten medizinische Überlegungen eine Rolle. (Da auch Mehrfach­nennungen möglich waren, ergeben sich insgesamt über 100%).

Aggression ist nicht gleich ­Aggression
Sehr weit verbreitet ist immer noch der Glaube, dass man durch eine Kastration Aggressionsverhalten beseitigen kann. Dies ist allerdings nur in ganz seltenen Fällen ­gegeben und bedarf einer genauen und ­differenzierten Analyse des gezeigten Ver­haltens, da es „das Aggressions­verhalten“ per se nicht gibt. Aggression ist vielmehr ein Mehrzweck­verhalten, das immer mit der Be­seitigung störender oder als gefährlich eingestufter Umwelt­einflüsse im Zusammenhang steht.

Angstaggression
Eine sehr häufig auftretende Form der Aggression stellt die ­Angstaggression dar. Bei dieser ist eine Kastration ­völlig kontraindiziert und wird das Problem deutlich verschärfen. Der Grund hierfür ist, dass Panik- und Angstreaktionen, die durch einen, auch befürchteten, ­Kontrollverlust oder das Erwarten einer ­gefährlichen Situation seitens des Tieres ent­stehen, unter der Kontrolle des Stress­hormons Cortisol aus der Neben­nierenrinde stehen. Das männliche Sexualhormon Testosteron hemmt die Cortisolausschüttung, wirkt dadurch angstlösend und steigert das ­Selbstbewusstsein. Durch die Wegnahme der Sexualhormone macht man diese Tiere noch un­sicherer, was zu einer Verschlimmerung des gezeigten ­Verhaltens führt. Eine ­Kastration ist hier also absolut kontra­indiziert.

Die geschilderten Zusammenhänge stellen natürlich die gängige Praxis, Tierheimhunde generell zu kastrieren, in Frage, da diese Hunde ja durch eine komplette Änderung der Lebens­umstände und -umgebung schon per se gestresst sind. Diese tiefgreifende Entscheidung sollte also nur nach gründlicher Einzelfallbeurteilung und unter Berücksichtigung der ­Per­sönlichkeit des Hundes getroffen werden.

Sicherheit geben statt ­Testosteron nehmen
Genauso wie die Angstaggression steht die Futterverteidigung unter dem Einfluss des Stresshormons ­Cortisol und hat keinerlei Beziehung zu den Sexualhormonen.

Die sogenannte Selbstverteidigungsaggression hingegen wird durch die Hormone und Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin aus der ­Neben­niere geregelt. Problematisch für den Hun­de­­halter ist, dass gerade ein als Problemlösung erprobtes Verhalten vor allem in Furcht einflößenden Situa­tionen sehr schnell gelernt und als Problemlösungsstrategie abgespeichert wird. Auch bei diesem „Lernen am Erfolg“ hat das erwähnte ­Noradrenalin seine Finger im Spiel, Sexual­hormone sind auch hier nicht beteiligt.

Einzig sinnvolle Maßnahme ist hier ein individuelles Verhaltenstraining, einhergehend mit einer Verbesserung der Führungskompetenz des ­Halters. Besonders diesen Hunden muss Sicherheit gegeben und nicht ­Testosteron genommen werden.

Jungtierverteidigung und ­Infantizid (Kindstötung)
Verantwortlich hierfür ist das sogenannte „Elternhormon“ Prolaktin, dessen Konzentration  nachgewiesener­maßen auch bei männlichen Tieren in Anwesenheit von Jungtieren oder ­Kindern in der Familie, oder bei Schwangerschaft der Halterin, ansteigt. Der biologische Auftrag des Prolaktins ist es, dafür Sorge zu tragen, dass Welpen und Kinder der eigenen Familie (auch von männlichen Tieren) verteidigt und betreut werden. Die Folge ist nicht nur eine aggressive Verteidigung der Individualdistanz zur schwangeren Halterin, oder einer sonstigen schwangeren Bezugsperson, sondern gleichzeitig oft auch eine deutliche Unfreundlichkeit gegenüber fremden Kindern, bzw. Junghunden. Dieses Verhalten wurde auch bei ­kastrierten Tieren nachgewiesen. Zusätzlich ist, zumindest beim Wolf, auch ein saisonal bedingter Prolaktin­anstieg bekannt. Da hohe Testosteron­spiegel wiederum den An-stieg von Prolaktin hemmen, ist auch bei dieser Problematik eindeutig von einer Kastration des Rüden abzuraten.

Partnerschutzverhalten
Das Partnerschutzverhalten wird durch das „Eifersuchtshormon“ ­Vasopressin ausgelöst, das dafür sorgt, dass der Halter, bzw. beim Hunde­rüden speziell die Halterin, verteidigt wird. Besonders in der Frühphase einer Beziehungsneu­bildung spielt es gemeinsam mit dem Bindungshormon Oxytocin eine wichtige Rolle, indem unbeteiligte Dritte ferngehalten werden. Aber auch generell sind diese beiden Hormone an der Regelung sozialer Beziehungen beteiligt. Auch dieses Hormonsystem lässt sich durch eine Kastration nicht beeinflussen.

Echte Status- und Wettbewerbs­aggression
Anders ist die Situation bei einer echten Status- oder Wettbewerbsaggression oder auch bei einer territorialen Aggression. Hier könnte die Kastration eine Verbesserung der Problematik bewirken – allerdings nur dann, wenn das gezeigte Verhalten wirklich hormongesteuert und noch nicht erlernt ist. Jedoch ist bei vielen Tierarten (z.B. Pferden und Affen) erwiesen, dass der  Testosteronspiegel nach der Rangverbesserung ansteigt, d.h. erst werden Aggressio­nen gezeigt, dann steigt die Konzentration der Sexualhormone. Dies widerlegt die These „viel Testosteron = viele Rangordnungskämpfe“.

Die Sache mit der Dominanz …
Immer wieder ist vom „Dominanz­verhalten“ die Rede, welches die ­Wurzel allen Übels sei, und das nur zu oft als Indikation für eine ­Kastration herhalten muss. Dominanz ist aber keine Eigenschaft, sondern eine Beziehung, und zwar eine, die von unten nach oben stabilisiert und nicht andersrum von oben nach unten „durchgeboxt“ wird. Ein wirklich als dominant anerkanntes Tier ist ­souverän und hat keine ­Aggression nötig. Einem dominanten Tier ­werden freiwillig Privilegien zugestanden, sprich, es kann jederzeit seine ­Interessen ohne den Einsatz von Gewalt gegen den Anderen durch­setzen. Das oft als Dominanz bezeichnete Verhalten hat also nichts mit einem Dominanzstreben des Hundes zu tun,  sondern spiegelt in den meisten Fällen einen mangelnden Führungsanspruch bzw. mangelnde Führungskompetenz des Halters wider. Dass hier eine Kastration keine Abhilfe schaffen kann, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Streunen und Jagdverhalten
Einen weiteren Grund für eine ­Kastration stellt oft das Streunen bzw. das Jagdverhalten dar. Richtig ist zwar, dass beim männlichen Säugetier die Tendenz, größere Streifgebiete zu nutzen, diese zu markieren und zu kontrollieren, unter dem Einfluss der Sexualhormone im Gehirn angelegt wird, allerdings geschieht das schon vor der Geburt und lässt sich danach kaum mehr beeinflussen.

Etwas anderes ist das Streunen in Anwesenheit läufiger Hündinnen, das tatsächlich sexuell motiviert ist und durch eine Kastration gegebenenfalls beeinflusst werden kann.

Das Jagd- und Beutefangverhalten des Caniden wird durch sehr einfache Reize ausgelöst: Ein sich schnell vom Tier weg bewegendes Objekt löst eine Verfolgung, bzw. Beutefang­verhalten aus, auch dies hat nichts mit den Sexualhormonen zu tun.

Hypersexualität
Bei der sogenannten Hypersexualität des Rüden muss klar differenziert werden, aus welchem Verhaltenskreis sie entspringt. Aufreiten hat sehr oft gar nichts mit dem Sexualverhalten zu tun. Häufig ist es einfach eine Übersprungshandlung, oder es handelt sich um eine Bewegungstereotypie, die dem Stressabbau dient. Wird das Verhalten zwischen mehreren ­Hunden einer etablierten Gruppe gezeigt, handelt es sich meist um Spiel.

Auch sollte bei der Entscheidung pro oder kontra Kastration aus diesem Grund beachtet werden, dass auch kastrierte Rüden in Anwesenheit einer läufigen Hündin oft noch komplettes Paarungsverhalten inklusive Hängen zeigen, und das auch noch jahrelang nach der Kastration. Das liegt daran, dass bei sexuellen Aktivitäten der Glücksbotenstoff Dopamin ausgeschüttet wird, dessen selbstbelohnende Wirkung nachgewiesen ist. Dopamin spielt übrigens auch beim Menschen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Suchterkrankungen. 

Nur wenn es sich tatsächlich um ­sexuell motiviertes Verhalten ­handelt, ist eine Kastration eventuell in Erwägung zu ziehen – aber dies sollte unbedingt im Vorfeld mit ­professioneller Hilfe durch genaue Analyse der auftretenden Situationen geklärt werden!

Einzelfallentscheidung
Nach der Lektüre dieses ­Artikels sollte klar sein, dass sich eine ­Kastrationsempfehlung nicht pauschal aussprechen lässt, sondern immer die Ursachen der Verhaltensauffälligkeiten genauestens analysiert werden sollten, um die gezeigte Problematik nicht weiter zu verschärfen.

In Einzelfällen, wie etwa beim Herum­streunen bei Anwesenheit läufiger Hündinnen, bei einer echten, durch Sexualhormone ausgelösten Hyper­sexualität, oder bei einer echten statusbedingten Aggression, kann  die Entscheidung für eine Kastration richtig sein und eine Verbesserung der Problematik mit sich bringen, aber auch nur dann, wenn das ­gezeigte Verhalten durch Sexualhormone gesteuert wird und noch nicht erlernt ist. Auf gar keinen Fall aber kann eine Kastration eine Verhaltenstherapie ersetzen oder gar als Allheilmittel gesehen werden.

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Bei einer Kastration werden die Keimdrüsen des Hundes operativ entfernt. Beim Rüden werden dabei die Hoden entfernt, bei der Hündin die Eierstöcke, manchmal auch die Gebärmutter. Eine Kastration macht einen Hund unwiderruflich unfruchtbar. Da die Keimdrüsen entfernt werden, werden auch (fast) keine Sexualhormone mehr gebildet. Somit werden auch alle (und nur die) Verhaltensweisen unterbunden die mit den Sexualhormonen in Verbindung stehen!

Kastration der Hündin

Viele Menschen glauben heute noch, das Hündinnen sterilisiert und Rüden kastriert werden, das stimmt so nicht. Üblicherweise werden beide Geschlechter kastriert. Die häufigsten Gründe für die Kastration der Hündin sind unter anderem die Verhinderung ungewollter Trächtigkeiten.

Auch um bestimmten Tumorarten und Entzündungen der Gebärmutter vorzubeugen, wird kastriert. Dazu muss aber gesagt werden, dass die Verminderung von Mammatumoren (Gesäugetumoren) nur dann gegeben ist, wenn rechtzeitig kastriert wurde! Nach der zweiten Läufigkeit hat eine Kastration keinen nennenswerten Einfluss mehr auf das Risiko. Eine Kastration der Hündin vor der zweiten Läufigkeit vermindert das Risiko von Gesäugetumoren. Eine Kastration vor der ersten Läufigkeit verringert das Risiko auf ein Minimum. Eine so frühe Kastration bringt aber sehr viele Nachteile für den Hund. Wird vor der ersten Läufigkeit kastriert, ist der Hund sowohl körperlich als auch geistig noch nicht ausgereift. Der Reifeprozess wird gestoppt bzw. gestört. Frühkastrierte Tiere sind oft kleiner und haben Entwicklungsstörungen. Auch geistig bleiben sie meist auf dem Niveau eines Junghundes stehen. Von einer Frühkastration wird eher abgeraten.

Eine Kastration sollte nie leichtfertig vorgenommen werden. Man muss sich bewusst sein, dass es sich dabei um einen operativen Eingriff unter Vollnarkose handelt. Eine Narkose birgt auch heute noch ein Risiko, wenn auch ein geringes. Dass die Läufigkeit der Hündin einem „zu anstrengend“ ist, ist also kein Grund, seiner Hündin so eine Operation zu unterziehen.

Vorteile: Eine kastrierte Hündin wird nicht mehr läufig und zieht so auch keine Rüden mehr an. Keine ungewollten Trächtigkeiten. Die Gefahr von Scheinträchtigkeiten wird eliminiert. Das Risiko für bestimmte Tumore kann verringert werden.

Nachteile: Es bleibt eine Operation mit Narkoserisiko. Für den Hund unangenehme Genesungszeit. Eingriff in den natürlichen Hormonhaushalt. Eventuelle Veränderung des Fells, vor allem bei langhaarigen Hunden. Veränderung des Stoffwechsels, was dazu führen kann, dass einige kastrierte Tiere schneller zunehmen. Geringe Verhaltensänderungen.

Kastration des Rüden

Häufige Gründe für die Kastration von Rüden sind der Irrglaube, Rüden damit umgänglicher machen zu können, aber auch zur Verhinderung ungewollter Trächtigkeiten. Ein Rüde mit Erziehungsproblemen wird auch nach der Kastration weiter Probleme machen! Gegen Erziehungsprobleme hilft nur richtige und konsequente Erziehung, aber keine Kastration. Es ändert sich nur das Verhalten, welches mit den Geschlechtshormonen in Verbindung steht. So wird ein kastrierter Rüde zum Beispiel nicht versuchen, aus dem Grundstück auszubrechen, um zu einer Hündin zu gelangen. Aggressionen gegen andere Rüden, die durch den Geschlechtstrieb motiviert sind, können sich ändern!

Vorteile: Der Rüde kann keine Hündinnen mehr decken und es kommt zu keinen ungewollten Trächtigkeiten. Kein Jaulen und Bellen mehr, wenn läufige Hündinnen in der Nähe sind. Vorbeugung gegen Hodenkrebs.

Nachteile: Operation mit Narkoserisiko. Für den Hund unangenehme Genesungszeit. Eingriff in den natürlichen Hormonhaushalt. Eventuelle Veränderung des Fells. Veränderung des Stoffwechsels, was dazu führen kann, dass einige kastrierte Tiere schneller zunehmen. Verhaltensänderungen. Kastrierte Rüden werden von ihren unkastrierten Geschlechtsgenossen oft nicht mehr als Rüden wahrgenommen. Es kann zu „mobbing“ bis hin zum Aufreiten kommen,  was wiederum zu Streit führen kann.

Unterschied zwischen Kastration und Sterilisation: Bei einer Sterilisation werden nur Samenstrang oder Eileiter durchtrennt. Die Keimdrüsen bleiben, im Gegensatz zu Kastration, erhalten. Sterilisierte Hunde können sich nicht mehr fortpflanzen, Sexualhormone werden jedoch weiter gebildet. Eine Sterilisation hat also außer dem Beenden der Fruchtbarkeit keinen Einfluss auf das Verhalten oder die Körperentwicklung.

Quelle: http://www.hundeseite.de/hundewissen/hundewissen-gesundheit/kastration-beim-hund.html

 

Gesetzliche Grundlagen
Das Tierschutzgesetz macht klare Aussagen: der Eingriff ist nur nach tierärztlicher Indikation erlaubt. Das bedeutet, dass ein Tier keineswegs aus reiner Bequemlichkeit heraus kastriert werden darf. Der Tierarzt muss im Einzelfall prüfen, ob eine Erkrankung oder ein Leiden vorliegt, welches eine Kastration rechtfertigt, oder ob eine drohende Erkrankung verhindert werden kann.
Das Tierschutzgesetz nennt noch weitere Gründe, in denen eine Kastration erlaubt ist: zur Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung und zur weiteren Nutzung oder Haltung des Tieres.
Die unkontrollierte Fortpflanzung findet v. a. bei freilaufenden Katzen statt, weswegen diese kastriert werden sollten. In den meisten Kommunen ist es verboten, einen Hund frei laufen zu lassen. Insofern entfällt hier die Erlaubnis des Tierschutzgesetzes. Liebeskranke Rüden, die sich nicht um Gesetze und Zäune scheren, dürfen allerdings kastriert werden.
Der Passus zur weiteren Nutzung und Haltung eines Tieres betrifft v.a. die Tierheimhaltung, wo eine Kastration teilweise unumgänglich ist.
 
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Beitrag vom 2.6.2013 von Antje Grzeschiczek im Forum-Deutscher-Spitz:

„Kastration ist in den überwiegenden Fällen sog. „Pet Design“ mittels Skalpell. So wie in den USA Hunden auch die Stimmbänder durchtrennt werden oder Katzen die Krallen gezogen. Und zumindest bei Hündinnen wird dann meist ganz lahm mit dem Argument des verringerten Risikos der Mamatumorbildung daher gekommen. Was Tierärzte auch ganz gerne so „verkaufen“, denn zum einen verdienen sie direkt an der Kastration, zum anderen werden gerade Hündinenn anschließend nicht selten Dauerpatient bei ihnen. „Kundenbindung“ nennt man so etwas, an pumperlgesunden Hunden können Tierärzte schließlich kaum etwas verdienen…Es gibt viele mögliche Folgeschäden einer derartigen Hormonveränderung im Körper, die nur von sehr ehrlichen Tierärzten mit der Kastration in Zusammenhang gebracht werden. So ist es zwar durchaus richtig, dass eine Kastration vor der ersten Läufigkeit das Risiko in Bezug auf Mamatumore verringern kann. Wobei Mamatumore in vielen Fällen aber gut operabel sind und zudem ein entsprechender genetischer Background die größte Rolle spielt. War die Hündin zur Zeit der Kastration aber bereits einmal läufig, dann sinkt diese Schutzwirkung bereits erheblich, und war sie bereits zweimal läufig, dann hat die Kastration in Bezug auf die Verringerung des Mamatumorrisikos überhaupt keinen Einfluss mehr.

Aber durch Kastration steigt die Gefahr, an anderen Tumorarten zu erkranken. Z.B. ist bekannt, dass kastrierte Rüden drei- bis viermal häufiger an Prostatatumoren erkranken als unkastrierte Rüden. Dafür nimmt bei ihnen das Risiko, an Perianaltumoren zu erkranken, nach einer Kastration ab. Bei kastrierten Hündinnen hingegen steigt das Risiko für diese Perianaltumore. Bei ihnen steigt z.B. auch das Risiko, an Herztumoren zu erkranken, nach einer Kastration um das Vierfache an. Auch Milz- und Knochenkrebs tritt bei kastrierten Hunden häufiger auf als bei unkastrierten Hunden. Insofern relativiert sich das Argument, dass eine Frühkastration das Krebsrisiko senkt, doch erheblich.

Weitere kastrationsbedingte gesundheitliche Nachteile betreffen den Bewegungsapparat. So hat eine Studie an Boxern ergeben, dass frühkastrierte Hunde ein anderthalbfach höheres Risiko besitzen, an HD zu erkranken. Andere Statistiken zeigen, dass kastrierte Hunde doppelt so häufig Kreuzbandrisse haben wie hormonell intakte Hunde. Davon sind auch Hündinnen betroffen, häufiger aber Rüden.

Hinzu kommen noch die bekannteren Folgeschäden wie Harninkontinenz (die gerade bei frühkastrierten Hündinnen besonders stark werden kann), „Welpen“fell, Läufigkeitsgeruch bei Rüden etc., die man inzwischen schon eher mit der Kastration in Verbindung bringt. Aber welcher Tierarzt sagt einem denn ehrlich, dass auch ein Bänderriss oder eine Arthrose im Hüftgelenk eine Folge der Kastration sein kann?

Und das sind jetzt nur einige rein medizinische Auswirkungen, die durch massive Hormonveränderungen im Körper stattfinden können. Testosterone und Östrogene besitzen sehr vielfältige Aufgaben im Organismus, die sich nicht nur auf die Geschlechtsorgane beziehen. Sie stehen auch in engem Zusammenhang mit anderen Hormonen, z.B. dem Cortisol.

Gerade die Frühkastration ist bedenklich. Denn die Pubertät ist ein äußerst wichtiger Entwicklungsschritt im Leben eines Hundes, der nun mal hormongesteuert ist. Frühkindliche Nervenbahnen sterben ab und werden durch andere ersetzt. Z.B. wird die Schilddrüse in dieser Zeit durch den Anstieg der Sexualhormone aktiviert. Die Ausschüttung der Sexualhormone bewirkt u.a die Beendigung des Längenwachstumes der Röhrenknochen. Frühkastrierte Säugetiere (vor allem die männlichen) neigen deswegen häufig zu einem übermässigen Größenwachstum, worauf sich vermutlich die vermehrten Probleme mit dem Skelettapparat erklären lassen. Auch entwickelt sich deren Musklulatur schlechter als die von hormonell intakten Tieren (Bodybuilder schlucken nicht umsonst Hormone…). Und wenn eine frühkastrierte Hündin eine juvenile Scheidenentzündung hatte, wird sie die ihr ganzes Leben lang nicht wieder los.

Ganz wichtig ist aber der Einfluss der Geschlechtsorgane für den Aufbau neuer, belastbarerer Nervenbahnen während der Pubertät.

Bei einem Hund, der nur zum Streicheln und auf dem Schoß Hocken gehalten wird, mag das alles nicht so auffällig sein. Bei Arbeitshunden hingegen, die körperlich und geistig völlig fit sein müssen, sieht die Sache schon ganz anders aus. Da werden z.B. Schäden am Bewegungsapparat schonungslos aufgedeckt. Natürlich gibt es auch hin und wieder auch einen kastrierten Diensthund. Aber bei dem lag i.d.R. eine medizinische Indikation dafür vor. Und vor allem wurde er nicht frühkastriert! Ich kenne keine Diensthundeschule, die einen bereits kastrierten Hund ankaufen würde (angekauft wird i.d.R. im Alter zwischen einem und drei Jahren). Auch bei Service Dogs (z.B. Blindenführhunden) ist man aus den genannten Gründen von der Frühkastration wieder abgekommen.

Natürlich gibt es gute Gründe für eine Kastration. Und dann ist sie auch notwendig. Aber der tatsächliche Beweggrund der Hundehalter liegt doch in über 90% in ihrer Bequemlichkeit, oder weil sie unvernünftig waren (= sich zu einem bereits vorhandenen Rüden eine Hündin geholt haben oder umgekehrt, ohne die Voraussetzungen dafür zu besitzen die Hunde während der Läufigkeit der Hündin vernünftig beaufsichtigen/trennen zu können). Und wenn es mir als Hundehalter wirklich nur um die Verhinderung der Fortpflanzung geht, gibt es immer noch die Möglichkeit der Sterilisation bei Rüde und/oder Hündin. Die verhindert die Fortpflanzung wirkungsvoll, aber ich hab halt immer noch die Sauerei auf dem Teppich, und mein nicht erzogener Rüde haut mir weiterhin ab, wenn er irgendwo eine läufige Hündin riecht…“

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Mit freundlicher Genehmigung des Autors möchte ich hier auf einen ganz aktuellen Artikel des Tierarztes Ralph Rückert verweisen:

Die Kastration beim Hund – ein Paradigmenwechsel

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 Noch eine Tierärztin, die viele beunruhigende Studien zum Thema Kastration zitiert und für ein Umdenken plädiert:
 
 

 8. September ·2015

Die Kastration des Hundes, Segen oder Fluch?

Die Kastration des Hundes ist die Grundvoraussetzung, wenn man seinem Tier ein langes, gesundes und schönes Leben bereiten will.
Diese Aussage hielten wir Tierärzte sehr lange für die absolute Wahrheit, doch gerade in jüngster Zeit häufen sich die Studien, die uns aufhorchen und zweifeln lassen sollten.

Als sorgfältige Tierärztin, verantwortungsbewusste Reproduktionsmedizinerin und gewissenhafte Hundehalterin kann ich gar nicht anders, als mich mit diesem Thema ausführlich auseinander zu setzen.
Nie wurde intensiver und hitziger über dieses Thema diskutiert als jetzt.
Ich möchte in diesem Artikel die neuesten Studien kurz zusammenfassen, aufklären und sowohl Kollegen, Hundebesitzer und auch ganz besonders den Tierschutz zum Nach- und vielleicht sogar Umdenken anregen.
Was ist die Kastration eigentlich?
Die Kastration bezeichnet einen Eingriff, der entweder zur Funktionsunfähigkeit oder Amputation der Keimdrüsen, also der Hoden beim männlichen und der Eierstöcke beim weiblichen Lebewesen führt. Durch das Entnehmen oder funktionsunfähig-Machen der Keimdrüsen wird das Lebewesen unter anderem unfruchtbar gemacht. Auch alle anderen Funktionen der Keimdrüsen, wie zum Beispiel die Hormonproduktion, entfallen.
Ist Sterilisation das Gleiche?
Nein, ist es nicht. Die Sterilisation ist die Unfruchtbarmachung durch Durchtrennung der Ei- bzw. Samenleiter. Das Lebewesen bleibt hierbei sexuell voll funktionsfähig, wenn auch ohne “Ergebnis”. Auch die Hormonproduktion wird nicht beeinflusst.
Was sagt die Wissenschaft?
Noch vor kurzer Zeit wurde von uns Tierärzten aus gesundheitlichen Gründen immer zur Kastration geraten. Die Hündin sei dann vor der gefährlichen Gebärmuttervereiterung und auch vor bösartigen Gesäugetumoren geschützt, glaubte man. Der Rüde sei dann weniger aggressiv, konzentrationsfähiger und insgesamt ein glücklicherer Begleiter des Menschen, dachten wir.
Wer konnte schon ahnen, dass z. B. die Studie, die angeblich belegt, dass kastrierte Hündinnen deutlich seltener an Gesäugekrebs sterben, ein wenig geschönt worden war? In der Natur der Medizin liegt es, dass Schlussfolgerungen und Behauptungen immer wieder überprüft und nachvollzogen werden. Dies führte zu mehreren Studien, die sich mit dem Einfluss der Kastration auf Rüden und Hündinnen und den Konsequenzen hieraus beschäftigten. Zu unserer Überraschung ergaben sich durch die Kastration nicht nur die bekannten Probleme wie Gewichtszunahme und ein Risiko der Inkontinenz, sondern ein höheres Risiko für eine mannigfaltige Palette von Erkrankungen: Krebs!
Immer deutlicher wird, dass Geschlechtshormone weitaus mehr Funktionen haben, als wir bisher dachten. Unter anderem fällt auf, dass in mehreren Studien das erhöhte Risiko einer Krebserkrankung bei kastrierten Tieren belegt werden konnte.
Zu den Krebsarten, die teilweise signifikant häufiger auftreten, gehören unter anderem:
— Hämangiosarkome (Tumore des blutbildenden Systems wie z.B. der Leber oder der Milz)
— Mastzelltumore (schwer therapierbarer Hautkrebs)
— Lymphome (eine Art Leukämie)
— Prostatakarzinome
— Osteosarkome (sehr aggressiver Knochenkrebs)
Schilddrüsenunterfunktion: Für kastrierte Tiere ist das Risiko, an einer Schilddrüsenunterfunktion zu erkranken, statistisch ebenfalls höher, als für unkastrierte. In der Tiermedizin fehlt es grundsätzlich an soliden Studien und weiterführenden Erkenntnissen zum Thema Schilddrüse. Daher ist eine Aussage, warum dies häufiger auftritt, zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Sicher ist nur, dass es das tut.
Inkontinenz: Die Inkontinenz ist wohl die bekannteste kastrationsbedingte Erkrankung, die wir beim Hund kennen. In den Studien ist die Rede z.B. von 20 – 40 % der Hündinnen, die im Mittel 2,8 Jahre nach der Kastration inkontinent werden. Nicht immer kann man diese Inkontinenz therapieren, ein Leben mit Windeln ist im schlimmsten Falle die bittere Konsequenz.
Aber auch Rüden können nach der Kastration inkontinent werden.
Die Ursache hängt, soweit wir es wissen, mit der fein abgestimmten Balance verschiedener Hormone zusammen. LH (luteinisierendes Hormon) und FSH (Follikel stimulierendes Hormon) steigen durch die Kastration stark an und wirken auf die Schliessmuskel. Desweiteren fehlt es durch die Auflockerung des Bindegewebes nach der Kastration an Gegendruck am Schliessmuskel.
Was für andere Mechanismen zusätzlich eine Rolle spielen, ist noch nicht bekannt.
Kastrationsvaginitis und Blasenentzündungen: Durch den Wegfall der Östrogene und die Lockerung des Bindegewebes erschlaffen die Schamlippen der Hündin, rollen sich ein wenig ein und reiben so mit der behaarten Seite konstant über die Schleimhaut. Daraus resultiert eine Reizung und zunächst eine mechanische Entzündung.
Durch vermehrtes Belecken verbringt die Hündin Keime auf die gereizte und verletze Vaginalschleimhaut und es kann zu einer aufsteigenden Infektion kommen.
Dies könnte einer der Gründe sein, warum kastrierte Hündinnen auffallend häufiger an einer Blasenentzündung leiden als nicht kastrierte.
Kreuzbandriss sowie HD/ED Komplex: Diese Gelenkerkrankungen sind, wie wir heute wissen, in der Regel genetisch bedingt, aber die Schwere und Ausprägung der Erkrankung hängt von beeinflussenden Faktoren (also der Umwelt) ab.
Wir beobachten ein deutlich höheres Auftreten dieser Erkrankungen vor allem bei Hunden, die noch vor dem Abschluss des Körperwachstums kastriert wurden. Bedenken wir, dass die großen und mittelgroßen Rassen fast alle 3 Jahre brauchen, um ausgewachsen zu sein, und selbst das Wachstum bei Zwergrassen oft erst mit ca. einem Jahr als wirklich abgeschlossen gilt, müssen wir konsequenter Weise zum einen, die zeitliche Definition einer “Frühkastration” überdenken und zum anderen, der Tatsache ins Auge blicken, dass auch hier die Kastration alles andere als einen positiven Einfluss auf die Gesundheit unserer Hunde hat.
Verhaltensauffälligkeiten: In diversen Studien zeigte sich, dass sehr früh kastrierte Hunde häufiger im Leben z.B. eine Geräuscheangst entwickeln. Hier fehlen aber tiefgründige Studien um endgültige Aussagen zu treffen.
Auch ist eine Kastration nicht immer zwingend eine Lösung für Aggressionsprobleme. Es sollten mit Hilfe eines verhaltenstherapeutisch tätigen Tierarztes zunächst sehr gründlich und ausführlich mögliche Ursachen und sinnvolle Trainings- und Therapiemethoden ausgelotet werden.
Manchmal löst die Kastration sogar Aggressionsprobleme erst aus.
Magendrehung: Auch hier fehlt es an großen und aktuellen Studien, aber sowohl Tierärzte als auch Besitzer und Züchter beobachten, dass kastrierte Hunde öfter unter einer Magendrehung leiden als unkastrierte. Die bereits erwähnte mit der Kastration einhergehende Bindegewebsschwäche könnte eine mögliche Ursache hierfür sein.
Übergewicht: Mit der Kastration kommt es zu diversen Umstellungen in den Hormonkreisläufen, dies führt zu einem grundsätzlich niedrigeren Grundbedarf. Zum anderen verschieben sich die Bedürfnisse des Tieres, und Futter wird interessanter. Sind sich die Halter dessen nicht bewusst, kommt es nicht selten zum Übergewicht der Tiere, hin und wieder sogar bis hin zur Gesundheitsgefährdung.
Fellveränderungen: Dies ist wohl die am wenigsten schlimme Nebenwirkung der Kastration, die dennoch der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt bleiben soll. Bei bestimmten Rassen (z.B. Irish Setter) kommt es nach der Kastration zu einer deutlichen Fellveränderung. Das Fell wird länger, wolliger und dichter, so dass die Pflege teilweise sogar rasseuntypisch zeitintensiv wird.
Was sagt das Tierschutzgesetz? In Deutschland ist die Kastration von Hunden ohne medizinischen Grund im Sinne des Gesetzes verboten.
Das heißt, prinzipiell machen sich sowohl der Auftraggebende (Halter) als auch der Ausführende (Tierarzt) strafbar, wenn einem Tier ohne medizinische Notwendigkeit die Keimdrüsen entfernt werden.  

Was ist mit dem Tierschutz?
Im Tierschutz hat sich seit einer langen Zeit die Kastration des Hundes als Mittel der Wahl zur Populationskontrolle eingebürgert. Ist das Tier noch nicht kastriert, muss der neue Halter dies laut Schutzvertrag durchführen lassen. Eine Auseinandersetzung mit der Gesetzeslage und auch mit den gesundheitlichen Konsequenzen fehlt bisher, ebenso werden Alternativen, wie z.B. die Sterilisation nicht in Betracht gezogen.

Aus verhaltensbiologischer Sicht könnten die Kastrationen von Strassenhunden unter Umständen sogar weniger förderlich sein, als wir bisher gehofft haben.
Hierbei möchte ich betonen, dass dieser Teil des Artikels meine persönlichen Überlegungen widerspiegelt und leider noch keine mir bekannte Studie hierzu existiert:
Aus Verhaltensbeobachtungen wissen wir, dass dominante* Rüden sowie dominante* Hündinnen sich bemühen, die Anzahl der sexuell aktiven Tiere in der Gruppe recht klein zu halten. Je weniger Hündinnen belegt werden, desto weniger Welpen müssen versorgt werden. Je weniger Hündinnen also Nachwuchs haben, desto größer ist die Chance der Welpen der dominanten* Hündinnen optimal versorgt zu werden.

Bei den Rüden ist es ähnlich, je weniger Rüden tatsächlich sexuell aktiv sind, um so sicherer werden sich die Gene des dominanten* Rüden durchsetzen.

Das heißt in der Konsequenz, die dominanten* nicht kastrierten Individuen helfen durchaus, die unkontrollierte Vermehrung einzudämmen.
Kastriert man diese Tiere nun, fallen sie aus diesen Gruppenstrukturen heraus und verhindern auch keine Vermehrung anderer mehr.
Würde man diese Tiere sterilisieren, könnte man sich deren natürliches Kontrollverhalten zu nutze machen, ohne jedoch, dass diese Tiere weitere Nachkommen produzieren.

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich hieraus durchaus große Vorteile für die Populationseindämmung von z.B. Strassenhunden ergeben könnten.

*Der Begriff “dominant” ist veraltet und ethologisch nicht mehr korrekt, jedoch weiß ich im Moment keinen besseren.

Wie kann man seine Hündin vor Gebärmutter- oder Gesäugeerkrankungen schützen?
Heute wissen wir, dass das Risiko einer nicht kastrierten Hündin an einem bösartigen Gesäugetumor zu erkranken, deutlich niedriger ist, als die “berühmte Studie” uns glauben machen wollte. Dennoch besteht das Risiko.
Ebenso wie beim Menschen ist bei der Hündin das frühzeitige Erkennen und Behandeln dieser Wucherungen entscheidend.
Auch eine Gebärmutterentzündung ist keine Erkrankung, die innerhalb von ein paar Tagen von “gesund” zu “tödlich” umschlägt. Lange bevor es der Hündin lebensbedrohlich schlecht geht, kann man bereits Veränderungen an der Gebärmutter erkennen.

Ausschlaggebend für einen positiven Ausgang ist der Diagnosezeitpunkt. Hier müssen Tierärzte ebenso wie Hundehalter umdenken und sich die Möglichkeiten der Prophylaxe zu Nutze machen.
Ein Abtasten des Gesäuges alle 4 – 6 Wochen kann Wucherungen bereits im kleinsten Stadium aufdecken und ein schnelles Eingreifen das Risiko minimieren. Ein einigermaßen geübter Besitzer kann Veränderungen ab ca. Reiskorngrösse ertasten. Entfernt man Wucherungen, so lange sie unter 0,5 cm groß sind, sind die Chancen herausragend gut, dass selbst bösartige Tumoren noch nicht gestreut haben.
Ähnlich einfach ist die Gebärmutterprophylaxe, ca 2 – 4 Wochen nach jeder Läufigkeit sollte die Gebärmutter von einem geübten Reproduktionsmediziner für Kleintiere mittels Ultraschall beurteilt werden. Das allein genügt schon, um durch eine rechtzeitige Erkennung und Therapie diese Erkrankungen zu beseitigen, lange bevor sie lebensbedrohlich werden.

Was kann man beim Rüden gegen Vorhautentzündungen und Prostataprobleme tun?
Auch hier gibt es sehr viele Therapiemöglichkeiten, die man ausprobieren sollte, bevor man tatsächlich die Kastration durchführt. Ebenso ist eine Kontrolle (ca. alle 12 Monate) mittels Ultraschall sinnvoll.

Ist ein Kastrationschip eine bessere Variante?
Eine sehr moderne und in Deutschland noch nicht sehr gängige Methode der Kastration “auf Zeit” ist der Kastrationschip. Dies ist im Grunde nichts anderes als ein reiskorngrosses Stück Gewebe, welches unter die Haut gepflanzt wird.
Das Gewebe enthält ein bestimmtes Hormon (GNRH) welches eigentlich nur im Gehirn wirkt und dort bestimmte Weichen (nämlich die Hormone FSH und LH) umstellt und dadurch die Produktion von Testosteron im Körper abschaltet.
Dies ist tatsächlich während der Wirkungsdauer des Chips gleichbedeutend mit einem Zustand, wie man ihn auch mit einer operativen Entfernung der Keimdrüsen erzeugt. Der Unterschied ist lediglich, dass die OP nicht mehr rückgängig zu machen ist, der Chip jedoch irgendwann an Wirkung verliert.
Der Chip ist also, während er wirkt, gleichzusetzen mit einer Kastration, mit allen Vor- und Nachteilen, Wirkungen und Nebenwirkungen.

Was sollte die Konsequenz aus diesen Ergebnissen sein?
Ich hoffe, dass dieser Artikel für Hundebesitzer, Tierärzte und auch Tierschutzorganisationen moderne Denkanstöße liefert und ein Umdenken provoziert, welches letztendlich in unser aller Sinne sein sollte: nämlich informierte, verantwortungsbewusste und gute Entscheidungen im Sinne unserer vierbeinigen Familienmitglieder treffen zu können.

Nicht immer ist eine Kastration der falsche Schritt, jedoch sollte diese Entscheidung individuell, wohl überlegt und abgewägt getroffen werden, ausschliesslich, wenn die Vorteile der Kastration für dieses bestimmte Tier die Nachteile überwiegen.

Für Interessierte und Kollegen hier die Studien, die als Quellen für diesen Artikel dienten: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24432963
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11439769
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25020045
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23418479
http://avmajournals.avma.org/doi/abs/10.2460/javma.243.9.1218?url_ver=Z39.882003&rfr_id=ori%3Arid%3Acrossref.org&rfr_dat=cr_pub%3Dpubmed&

© 2015
Allana Kasperczyk
Tierärztin

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Für die Rasse Spitz möchte ich zusätzlich noch zu bedenken geben: Wo es inzwischen nur noch derart wenige Vertreter der Groß- und Mittelspitze gibt, sollte man es sich mindestens drei Mal überlegen, ob man seinen Spitz kastrieren lässt! Sicher sind nicht alle Tiere für die Zucht geeignet; aber wenn einem die Rasse ans Herz gewachsen ist, findet man sich doch vielleicht bereit dazu, sich für den eigenen Hund um eine Zuchtzulassung zu bemühen, und dann mit wenigen ganz gezielten Verpaarungen den Fortbestand der Rasse sichern zu helfen. (Rote Liste)               Claudia Götting